SCOTT BESSENT, TOP-WÄHRUNGSHANDEL: WIE ER DAS BRITISCHE PFUND BESIEGTE
Dies ist ein datenbasierter Bericht über Scott Bessents Weg vom Yale-Absolventen in George Soros’ Londoner Team während der Pfundkrise 1992. Wir zeigen, wie makroökonomische Ungleichgewichte eine asymmetrische Handelssituation schufen und welche Rolle strukturierte Ausführung sowie konsequentes Risikomanagement spielten. Abschließend betrachten wir seinen weiteren Werdegang bis zu Key Square und die Prinzipien, die seine Arbeit bis heute prägen.
Von Yale zu Soros: Wie ein Makro-Trader denkt
Scott Bessent gehört zu jener Generation von Makro-Händlern, deren Karriere nicht mit kurzfristigen Charts begann, sondern mit einem Blick auf wirtschaftliche Systeme: Wechselkurse, Zinsdifferenzen, politische Zwänge und die Frage, wie lange ein Land ein bestimmtes Regime aufrechterhalten kann. Nach seinem Abschluss an der Yale University arbeitete er zunächst in klassischen Finanzstationen, bevor er in das Umfeld geriet, das später als eines der einflussreichsten Makro-Teams der modernen Finanzgeschichte gelten sollte: George Soros’ Londoner Devisengruppe.
In den frühen 1990er-Jahren war Europa in einer Phase politischer und wirtschaftlicher Umbrüche. Der Europäische Wechselkursmechanismus (ERM, im Deutschen häufig als EWS beschrieben) sollte stabile Bandbreiten zwischen europäischen Währungen sichern. Die Idee war politisch attraktiv – wirtschaftlich jedoch fragil, weil sie eine Art „Zins- und Wechselkursdisziplin“ erzwang, die nicht jede Volkswirtschaft gleich gut tragen konnte.
Gerade Großbritannien stand in diesem System unter besonderem Druck. Während Deutschland nach der Wiedervereinigung hohe Zinsen benötigte, um Inflationsrisiken zu kontrollieren, war die britische Wirtschaft in einer deutlich schwächeren Wachstumsphase. Hohe Zinsen wären für London ebenfalls nötig gewesen, um die ERM-Bindung zu verteidigen – doch genau diese Zinsen hätten Wachstum und Arbeitsmarkt zusätzlich belastet. Damit entstand ein klassischer makroökonomischer Zielkonflikt: Entweder das Pfund bleibt im ERM und die Wirtschaft zahlt den Preis – oder die Bindung bricht.
Bessent und das Soros-Team betrachteten diese Situation nicht als reine Marktmeinung („das Pfund ist teuer“), sondern als strukturelle Unvereinbarkeit. Der entscheidende Punkt war: Wenn ein System politisch gewollt, aber wirtschaftlich untragbar ist, wird der Markt früher oder später testen, wie glaubwürdig die Verteidigung wirklich ist. Genau diese Denkweise – das Zusammenspiel aus Regeln, Zwängen und Liquidität – ist das Fundament des Makrotradings.
Schwarzer Mittwoch 1992: Asymmetrie, Ausführung und Risikomanagement
Der 16. September 1992 ging als „Schwarzer Mittwoch“ in die Geschichte ein: Großbritannien verließ den ERM, nachdem die Bank of England das Pfund nicht mehr verteidigen konnte. In vielen Erzählungen wird dieses Ereignis auf eine einzige Zeile reduziert: Soros „brach“ die Bank of England. Doch diese Kurzform unterschlägt den Kern dessen, was tatsächlich passierte – und vor allem, warum ein Trade dieser Größenordnung überhaupt möglich war.
Aus makroökonomischer Sicht war das Setup bemerkenswert asymmetrisch. Die britische Regierung wollte die Bindung halten, um politische Glaubwürdigkeit zu bewahren. Gleichzeitig war das wirtschaftliche Umfeld dafür ungünstig: schwaches Wachstum, hoher Druck auf den Arbeitsmarkt und eine Zinslandschaft, die im Vergleich zu Deutschland kaum konkurrenzfähig war. Deutschland wiederum musste hohe Zinsen beibehalten – nicht aus taktischen Gründen, sondern aus innenpolitischer Notwendigkeit. Das bedeutete: Die britische Seite musste den Preis zahlen, nicht die deutsche.
Das Soros-Team positionierte sich entsprechend – aber nicht als ein einziger, roher „Short“. Entscheidend war die Struktur: Positionen wurden über mehrere Instrumente aufgebaut und gemanagt. Dazu gehörten Spot-Positionen, Termingeschäfte (Forwards) sowie Optionen. Jede dieser Komponenten erfüllt im Risikomanagement eine andere Funktion:
- Spot-Trades liefern unmittelbare Marktexponierung.
- Forwards ermöglichen größere Volumina mit klaren Laufzeiten.
-
Optionen erlauben asymmetrische Auszahlungsprofile und können die Haltbarkeit einer These verlängern, wenn sich der Markt langsamer bewegt als erwartet.
Damit wurde der Trade nicht nur groß, sondern auch robust gegenüber kurzfristigen Gegenbewegungen – genau das ist in einem Szenario wichtig, in dem eine Zentralbank aktiv gegen dich arbeitet.
Und das tat die Bank of England: Sie intervenierte am Devisenmarkt und erhöhte die Zinsen. In der öffentlichen Wahrnehmung wirkt das wie eine „letzte Verteidigung“. Für einen Makro-Trader ist es jedoch auch ein Signal: Wenn eine Institution extreme Maßnahmen braucht, um ein Ziel zu halten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ziel nicht nachhaltig ist.
Der Punkt, den viele Legenden auslassen, ist die Rolle des Risikomanagements. Ein Trade kann fundamental richtig sein und trotzdem scheitern, wenn er zu früh, zu groß oder ohne Absicherung aufgebaut wird. Das Soros-Team musste nicht nur „recht haben“, sondern zahlungsfähig bleiben, solange der Markt noch gegen sie laufen konnte. Genau hier kommt Bessents Rolle ins Spiel: nicht als Symbolfigur, sondern als jemand, der mit an der Umsetzung und Stabilisierung einer Position beteiligt war, die mehrere Phasen von Druck, Liquiditätsstress und politischen Signalen überstehen musste.
Als Großbritannien schließlich aus dem ERM austrat, wurde die Bewegung nicht nur durch den Ausstieg selbst verstärkt, sondern auch durch die Marktmechanik: Sobald ein Fixkurs aufgegeben wird, entfällt der künstliche Boden. Positionen, die zuvor durch politische Maßnahmen „gehalten“ wurden, müssen neu bewertet werden. In diesem Moment können Spot-, Forward- und Optionsstrukturen ihre volle Wirkung entfalten.
Vom Fonds zum Finanzministerium: Was der Händler im Büro behielt
Nach dem Pfund-Trade blieb Scott Bessent im globalen Makro-Umfeld aktiv. Der Trade von 1992 war zwar historisch – aber nicht das Ende einer Geschichte, sondern eher der Moment, der eine bestimmte Art des Denkens sichtbar machte: Märkte als Spiegel politischer und wirtschaftlicher Zwänge.
Bessent arbeitete später in weiteren Rollen, in denen Makro-Themen eine zentrale Rolle spielten: Währungen, Zinszyklen, geopolitische Verschiebungen, Kapitalflüsse. Diese Themen sind langsamer als klassische Intraday-Bewegungen, aber oft größer – und eng verbunden mit politischen Entscheidungen, Zentralbanken und systemischen Risiken.
Mit der Gründung von Key Square setzte er diese Linie fort. Das Konzept dahinter war nicht „ein neuer Hedgefonds“, sondern eine Fortsetzung einer Methode: Makro-Trades basieren auf der Idee, dass Märkte sich nicht nur durch Nachrichten bewegen, sondern auch durch die langfristige Unvereinbarkeit bestimmter wirtschaftlicher Bedingungen. Wenn ein Land zum Beispiel einen Wechselkurs halten will, aber gleichzeitig eine Zinsstruktur benötigt, die es politisch nicht tragen kann, entsteht ein Bruchpunkt. Dieser Bruchpunkt ist selten präzise datierbar – aber er ist oft erkennbar.
Der Kern dieser Disziplin besteht aus drei Dingen:
-
These vor Trade
Nicht „ich sehe Momentum“, sondern „ich sehe einen strukturellen Zwang“. -
Positionsaufbau statt All-in
Große Trades entstehen über Skalierung, Timing und Liquidität, nicht über einen einzelnen Knopfdruck. -
Risikomanagement als Voraussetzung
Makro-Trades dauern oft länger, als man erwartet. Wer nicht durchhält, erlebt den eigentlichen Move nicht.
Der Artikel schließt nicht mit einer Heldengeschichte, sondern mit einer nüchternen Perspektive: Die Lektion aus 1992 ist weniger „Soros war genial“, sondern eher, dass große Marktbewegungen oft dann entstehen, wenn Politik versucht, ein wirtschaftlich unhaltbares System zu stabilisieren. Bessents Karriere steht damit sinnbildlich für eine Art des Tradings, die nicht auf Legenden basiert, sondern auf Handwerk: Analyse, Struktur, Ausführung und Disziplin.